Was machst du gerade?

Keine Angst, jetzt kommt kein Blogbeitrag zu Corona. Darüber lesen und hören wir gerade schon 24/7. Dazu ist bereits alles gesagt.

Vielmehr geht es um das Leben in diesen, sehr besonderen, Tagen. Ich sitze in meinem Kinderzimmer, tatsächlich sieht mein Rückzugsort aus, wie früher meine Kinderzimmer (als Scheidungskind hatte ich natürlich zwei davon) ausgesehen haben. Viele Dinge von damals haben es sogar hier rein geschafft. Nein ich bin kein Messi, aber ich stehe einfach auf Erinnerungen.

Seit Samstag bin ich von morgens bis abends hier und klicke mich durch oldschool Playlisten, lustige Fotos und lese in alten Tagebüchern (Januar 1994: „Wir haben einen Neuen in die Klasse bekommen, er ist schon 15, fährt Mofa und raucht“). Ich könnte auch vor den TV liegen, aber dann bekomme ich Rückenschmerzen und nen dicken Bauch vom Chipsfressen. Außerdem habe ich endlich die Steuerunterlagen sortiert, den Laptop auf Vordermann gebracht und einen Berg Bügelwäsche, samt Bügelbrett, ins Wohnzimmer vor den Fernseher geschoben (am Samstag soll es regnen).

Zum Glück bin ich schon immer gut darin, mich drinnen zu beschäftigen. Ich bin gerne ein Stubenhocker, Mama hat mich früher schon Eremit genannt. Der Tag fliegt vorbei und ich habe abends tausend neue Ideen für den Nächsten. Aber Tage und Wochen ohne Input …?

Wenn man in einer Stadt wohnt, und einen Balkon hat, ist das sicher sehr unterhaltsam. Es gibt immer was zu sehen, man kommt vielleicht mit denen vom Nachbarbalkon in Kontakt und es gibt kleine Corona-Events wie Klatschen, Singen usw. … Aufm Dorf ist das eher nicht der Fall, wenn ich hier auf dem Balkon stehe und singe, ruft garantiert jemand die Polizei. Der einzige Kontakt zur Außenwelt ist das Internet (oder vielleicht noch das Telefon, aber wer telefoniert in Zeiten von WhatsApp eigentlich noch?). So klicke ich also, gefühlt im 10-Minuten-Takt, durch die sozialen Medien, um zu sehen, was die Anderen so machen, um zu sehen, ob die Welt sich noch dreht. Doch leider ist es auch out über sich selbst zu schreiben, und das, obwohl Facebook doch immer so nett fragt: „Was machst du gerade?“.

Alle posten Bildchen und Videos von anderen weiter, was zwar kurz unterhaltsam ist, aber ich danach noch immer nicht weiß, was meine Freunde, Bekannten, Kollegen und die Familie so treiben. Die Welt scheint gerade still zu stehen, als würde man betrunken im Bett liegen und ein Bein zum Bremsen des Karussells rausstellen. Mittlerweile weiß ich, was der Pocher gerade macht (lustige Video), auch wenn ich den nicht besonders leiden kann. Sämtliche Stars (und Möchtegerns) zeigen mir alle paar Stunden auf Instagram, wie sie ihre Quarantäne-Zeit totschlagen. Dabei wäre viel schöner zu sehen, was ihr tut. Meine sozialen Kontakte, mit denen ich auf soziale Distanz gehen muss, um die Welt zu retten.

Können wir uns denn beim Weltretten nicht ein bisschen gegenseitig zuschauen? Dann wäre es nur halb so einsam. Ihr müsst es nicht öffentlich tun, wenn ihr darauf nicht so steht. Aber schickt mir doch ein paar Fotos, eine Sprach- oder Videonachricht, ein paar gemeinsame Erinnerungen oder was auch immer euch in den Sinn kommt. Ein Brief, so zum Anfassen auf Papier, wäre auch eine super Sache (solange die Post noch liefert). Lasst uns doch etwas näher rücken, uns gegenseitig über die Schulter in unseren Knast schauen, bevor wir aus Verzweiflung anfangen Toilettenpapier zu stricken oder Z-Promis abonnieren. Ich rufe auf zu weniger Corona und mehr Individualität in den sozialen Medien und zitiere den großen Philosophen unserer Zeit, Facebook: „Was macht ihr gerade?“

%d Bloggern gefällt das: